Der Iran-Krieg als Multiplikator für Krisen und Konflikte am Horn von Afrika
Megatrends Spotlight 52, 14.04.2026Sudan, Äthiopien und Somalia sind besonders stark von den wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs betroffen, könnten aber auch von der Umleitung des internationalen Handels profitieren. Die Konfliktakteure am Horn von Afrika bemühen sich derweil, die Unterstützung der Golfstaaten aufrechtzuerhalten.

Tuk-Tuk-Fahrer bilden eine Schlange während sie an einer Tankstelle in Omdurman, nördlich der sudanesischen Hauptstadt Khartum, warten am 6. April 2026.
© picture alliance / Xinhua News Agency | Mohamed Khidir
Die Staaten am Horn von Afrika liegen bisher am Rande des Sturms, der den Mittleren Osten seit dem 28. Februar 2026 erfasst hat. Trotz Beziehungen zum Iran als auch israelischer und US-amerikanischer militärischer Interessen am Horn ist die Region bisher von den Kampfhandlungen nicht betroffen. Gleichwohl sind die wirtschaftlichen Auswirkungen bereits jetzt signifikant, insbesondere bei Treibstoffimporten. Das Rote Meer und die Meerenge Bab-el-Mandab haben geopolitisch an Bedeutung gewonnen, u.a. für den Export saudischen Öls. Das grundsätzliche Interesse von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Katar an wirtschaftlichen, militärischen und politischen Aspekten am Horn von Afrika wird wahrscheinlich bestehen bleiben und möglicherweise sogar wachsen. Insgesamt verschärft der Iran-Krieg die bestehenden Krisen am Horn von Afrika.
Treibstoffknappheit und Handelseffekte
Bereits nach wenigen Wochen sind die wirtschaftlichen Effekte der Blockade der Straße von Hormus, des reduzierten Luftverkehrs und der iranischen Angriffe auf Energie- und Verkehrsinfrastruktur am Golf in einigen Ländern am Horn von Afrika zu spüren.
In Äthiopien kommt es zu langen Schlangen an Tankstellen, denn der Treibstoff wird knapp – etwa die Hälfte des nationalen Bedarfs wird aus Kuwait, Saudi-Arabien und den VAE importiert. Die Regierung sah sich veranlasst, die Bevölkerung zum Sparen aufzurufen, hat aber gleichzeitig die Subventionen für Treibstoff erhöht. Angestellte öffentlicher Unternehmen sollen, wo möglich, ihren Jahresurlaub nehmen, um Transportkosten zu sparen. Außerdem legte die Regierung eine Rationierung von Treibstoff fest und ging hart gegen Schmuggel und Korruption von Benzin und Diesel vor. Der im Vergleich zu den Nachbarländern günstigere Treibstoff hatte offensichtlich bereits vor dem Iran-Krieg zu großflächig organisiertem Betrug geführt, indem Treibstoff am offiziellen digitalen Zahlungssystem vorbei geschmuggelt wurde. Mehr als 650 Personen sind in diesem Zusammenhang bereits festgenommen worden.
In Tigray ist die Situation noch dramatischer, vor allem weil bereits vor dem Beginn des Iran-Kriegs kaum noch Treibstoff auf regulärem Wege in die Region kam. Dort werden 10-Liter-Fässer für 8000 Birr (umgerechnet rund vierzig Euro) auf der Straße verkauft. Mittlerweile schränkt die Treibstoffknappheit die öffentliche Versorgung in der Region stark ein. Seit Wochen stehen sich Einheiten des äthiopischen Militärs und der Sicherheitskräfte Tigrays gegenüber, nachdem es Ende Januar zu mehrtätigen bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen war. Die Treibstoffkrise könnte eine mögliche Offensive in Tigray kurzfristig verzögern.
Ein weiteres Problem betrifft die Lieferung humanitärer Güter in den Sudan, für die Dubai ein zentraler Umschlagplatz ist. Versicherungs- und Transportkosten für Medikamente seien bereits um 120 Prozent gestiegen, vermelden sudanesische Importeure. Die Hilfsorganisation Save the Children beklagte, dass medizinische Güter für die Versorgung von 400.000 Kindern wegen der Blockade der Straße von Hormus in Dubai festsäßen. Das International Rescue Committee berichtete von ähnlichen Transportproblemen, ebenfalls weil die zentrale Route von Produzenten in Indien über den Golf zu Einsatzländern wie Somalia und Sudan derzeit stark eingeschränkt sei. Sudan bezieht überdies einen Großteil seiner Düngemittellieferungen aus den Golfstaaten – laut UN Conference on Trade and Development ist es das in dieser Hinsicht am stärksten exponierte Land weltweit.
Der Handel am Horn von Afrika könnte sich daher stark verändern. Einerseits gibt es Sorgen bei Äthiopien, Somalia und Dschibuti, dass der Kriegseintritt der Houthis die Lage weiter eskalieren könnte. Dies wäre insbesondere der Fall, wenn die Houthis nicht nur Raketen und Drohnen auf Israel feuern, sondern auch (wieder) auf Schiffe im Roten Meer oder sogar auf die US-Basis in Dschibuti zielen sollten. 95 Prozent von Äthiopiens Handel wird über Dschibuti abgewickelt; eine Gefährdung dieser Route ist von existenzieller Bedeutung für das Land. Umso wichtiger wird also das äthiopische Interesse an der Diversifizierung seiner Versorgungsrouten, insbesondere über die Häfen in Berbera in Somaliland sowie Lamu in Kenia.
Hier zeigen sich bereits einige Umleitungseffekte, die Äthiopien und Kenia strukturell zu Gute kommen könnten. Ethiopian Airlines, die in staatlichem Besitz ist und einen wesentlichen Anteil der ausländischen Devisen reinbringt, musste zwar Verbindungen in den Golf absagen, kann aber mit seiner Cargo-Sparte auch profitieren. Insbesondere der Lamu Port-South Sudan-Ethiopia-Transport (Lapsset) Korridor gewinnt an Bedeutung. Im März stieg der Umladeverkehr im kenianischen Lamu um 1200 Prozent, weil beispielsweise Autolieferungen aus Asien dort statt am Golf umgeladen wurden. 74 Schiffe dockten dort seit Jahresbeginn an, während es im ersten Quartal letzten Jahres nur zwei waren. Diese Entwicklungen könnten nach Schätzungen Äthiopien und Kenia bis zum Ende des Jahres rund 3,5 Mrd. US-Dollar zusätzliche Einnahmen generieren – eine willkommene Finanzspritze für die beiden Staatshaushalte, die jeweils mit hohen Schulden zu kämpfen haben. Zur Einordnung: der äthiopische Staatshaushalt beträgt etwa 12,3 Mrd. USD, der kenianische etwa 32,6 Mrd. USD.
Ungebremste Einflussnahme der Golfstaaten
Ein weiteres Augenmerk gilt den Aktivitäten der Golfstaaten am Horn von Afrika, insbesondere Saudi-Arabien, Katar und den VAE. Diese haben in den letzten Jahren stark in Infrastruktur (wie Häfen), Landwirtschaft und Sicherheit in Sudan, Äthiopien, Kenia und Somalia investiert. Auf der einen Seite werden diese Staaten aufgrund des Iran-Kriegs deutlich stärker in die eigene Wirtschaft investieren müssen, um verlorenes Vertrauen von Investor*innen, Tourist*innen und Handelspartner*innen wiederzuerlangen und ihre Verteidigung zu stärken. Fähigkeiten wie Anti-Drohnen-Technologie, von denen beispielsweise auch die Konfliktparteien in Sudan profitiert haben, werden sie fortan möglicherweise weniger freigebig weitergeben.
Auf der anderen Seite ist das Interesse dieser Staaten am Horn von Afrika durchaus langfristig angelegt und wird auch angesichts der prekären Situation am Golf bestehen bleiben. Für Saudi-Arabien ist derzeit der Export von Öl über seine Pipeline an die Rotmeerküste und von dort weiter über den Bab-el-Mandab nach Asien von großer Bedeutung. Die Rivalität zwischen den VAE und Saudi-Arabien, die sich in den Monaten vor Ausbruch des Iran-Kriegs zugespitzt hatte, wird derzeit von der GCC-Solidarität angesichts der iranischen Angriffe überdeckt. Zumindest auf ökonomischer Ebene ist die Rivalität jedoch struktureller Natur und wird daher das Horn von Afrika in den nächsten Jahren wahrscheinlich weiter prägen.
Derweil geht die militärische Unterstützung aus dem Golf für die Konfliktparteien am Horn offenbar weiter. OSINT-Analyst Rich Tedd hat seit Beginn des Irankriegs mehr als 20 „verdächtige“ Cargo-Flüge mutmaßlich mit Rüstungsgütern aus den VAE nach Äthiopien gezählt. Empfänger sind vermutlich die Rapid Support Forces (RSF) in Sudan, für welche die VAE seit Ende 2025 ein Trainingscamp im Westen Äthiopiens aufgebaut haben. Ende März 2026 gelang es den RSF zudem, die sudanesische Grenzstadt Kurmuk im Bundestaat Blue Nile zu erobern, laut sudanesischen Offiziellen mit äthiopischer Unterstützung. Der äthiopische Ministerpräsident Abi Ahmed war derweil der erste ausländische Staatschef, der Abu Dhabi seit Beginn der iranischen Angriffe besuchte. Als Investor und militärischer Unterstützer (z.B. mit Drohnen) nehmen die VAE seit Abiys Amtsantritt 2018 eine zentrale Rolle für Äthiopien ein.
Umgekehrt bemühte sich die Führung der sudanesischen Armee (SAF) darum, sich öffentlich von Iran zu distanzieren, nachdem es eine Solidaritätskundgebung eines Kommandeurs der islamistischen Al-Bara ibn-Malik Milizen für Iran gegeben hatte. Port Sudan hatte noch im Juli 2024 diplomatische Beziehungen mit Iran wiederaufgenommen und iranische Drohnen erhalten, die wahrscheinlich von Beratern der iranischen Revolutionsgarden begleitet wurden. Die Sudanesische Islamische Bewegung ist ein wesentlicher Teil der SAF-geführten Koalition, wurde aber wegen ihrer Beziehungen zu Iran mittlerweile von den USA sanktioniert.
Die Vermittlungstätigkeiten der Golfstaaten in den Konflikten am Horn von Afrika leiden unter der Iran-Krise. Um einen Waffenstillstand zwischen der sudanesischen Armee und den RSF zu erreichen, ist eine Verständigung zwischen ihren wichtigsten Unterstützern – Ägypten und Saudi-Arabien auf der einen, die VAE auf der anderen Seite – weiterhin essentiell. Ob es dem US-Sondergesandten Massad Boulos, der mit diesen drei Staaten zusammen die Quad bildet, gelingt, die hochrangige Zustimmung und aktive Unterstützung dieser Staaten für einen Waffenstillstand zu gewinnen, ist derzeit eher fraglich. Saudi-Arabien, das vor dem 28. Februar noch versuchte, zwischen Äthiopien und Eritrea zu vermitteln, wird derzeit weniger in diese Diplomatie investieren. Es ist einerseits denkbar, dass diese arabischen Staaten sich noch auf gemeinsame Parameter einigen könnten, um zur Entspannung am Roten Meer sowie in Sudan und Äthiopien beizutragen. Es ist allerdings ebenfalls wahrscheinlich, dass sie weiterhin auf ihre etablierten Partner in diesen Ländern setzen, um ihre Interessen in der Region durchzusetzen.
Der Iran-Krieg als Präzedenzfall
Die US-israelischen Angriffe und der internationale Umgang damit fordern sowohl das internationale System insgesamt als auch das System der internationalen Konfliktbearbeitung durch Mediation heraus. Die Angriffe erfolgten während einer laufenden Vermittlung durch Oman, wie bereits beim 12-Tage-Krieg 2025. Dies stellt die Glaubwürdigkeit der USA als Mediator in Frage, die auch der einflussreichste Vermittlungsakteur am Horn von Afrika sind. Den USA wird es vor diesem Hintergrund außerdem schwerfallen, bei den VAE, Saudi-Arabien und Ägypten auf mehr Zustimmung zu stoßen, dass diese die Unterstützung der sudanesischen Konfliktparteien einstellen und diese zu einer Waffenruhe bewegen könnten.
Vielmehr bietet das US-Narrativ zu Iran als Bedrohung ihrer nationalen Sicherheit durch die Unterstützung bewaffneter Gruppen in der Region Anknüpfungspunkte für Dritte. Es passt zu dem äthiopischen Narrativ über Eritrea, dessen Regierung Addis Abeba vorwirft, bewaffnete Oppositionsakteure in Äthiopien zu unterstützen. Beide Erzählungen sind nicht von der Hand zu weisen, aber die Verknüpfung mit dem Bruch völkerrechtlicher Grundregeln wie dem Gewaltverbot und der territorialen Integrität von Staaten durch die USA und Israel strahlt auf andere Staaten aus. Die USA schaffen mit der Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro in Januar und nun dem Iran-Krieg Präzedenzfälle, die den Einsatz von Gewalt zur Verfolgung nationaler Sicherheitsinteressen auch ohne unmittelbare Bedrohung eines bewaffneten Angriffs von Seiten anderer Staaten legitimiert. Europäische Akteure sollten dies ebenfalls in ihrem Umgang mit dem US-israelischen Krieg gegen Iran bedenken. Bei ihrer Positionierung geht es auch um die Aufrechterhaltung internationaler Normen, die bereits jetzt stark unter Druck stehen.
Dr. Gerrit Kurtz ist Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).