Jump directly to page content

Der Iran-Krieg als doppelter wirtschaftlicher Schock in Afrika

Megatrends Spotlight 51, 13.04.2026

Der Iran-Krieg trifft Afrika wirtschaftlich: geringere Überweisungen aus den Golfstaaten und höhere Kosten für Düngemittel wirken auf Ost- und Nordafrika sowie in Teilen Subsahara-Afrikas. Obwohl die Effekte gleichzeitig auftreten, folgen sie unterschiedlichen wirtschaftlichen Mechanismen.

Am 28. Februar 2026 begannen die Vereinigten Staaten und Israel ihren gemeinsamen Angriff gegen den Iran mit dem Ziel, militärische und energiepolitische Infrastruktur sowie die politische Führung des Regimes zu treffen.

Bei den Angriffen kamen nach Angaben der UNO inzwischen mehr als 2000 Menschen ums Leben, darunter mehrere Generäle und Führungspersonen aus der politischen Elite sowie das geistliche Oberhaupt des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, aber auch 165 Kinder einer Mädchenschule. Des Weiteren wurden mehr als 11000 Ziele im Iran getroffen, vor allem kritische (Energie-)Infrastruktur wie Fabriken, Brücken, Eisenbahnlinien und Gasfelder, aber auch Forschungs- und Entwicklungslabore im Bereich der Kernenergie.

Teheran reagierte seinerseits mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Israel und auf Ölraffinerien, Gasanlagen, Häfen und US-Stützpunkte auf der Arabischen Halbinsel. Die Hisbollah solidarisierte sich mit dem iranischen Regime und feuerte ebenfalls Raketen auf Israel ab. Israel reagierte mit Bomben und einer Bodenoffensive im Libanon. Spätestens mit den iranischen Angriffen auf die US-Botschaft in Riad, den größten Hafen und Ölspeicher der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die US-Air Base in Doha, Wasserentsalzungsanlagen in Kuwait und nicht zuletzt mit der Blockade der Straße von Hormus erreichte der Konflikt ein regionales Ausmaß mit globalen Konsequenzen.

Afrikanische Länder bekommen die Auswirkungen des Iran-Kriegs nicht nur über den rapide steigenden Ölpreis zu spüren, sondern des Weiteren über zwei Mechanismen: zum einen via verringerter oder ausbleibender Rücküberweisungen von afrikanischen Arbeitsmigrant*innen in den Golfstaaten, zum anderen über steigende Preise für Dünge- und Lebensmittel.

Ausbleibende Rücküberweisungen: Einkommensschock in Ost- und Nordostafrika

Arbeitsmigration aus Ost- und Nordostafrika in die Golfstaaten ist in den letzten Jahren immer weiter gestiegen und liegt derzeit bei über 5 Millionen, wobei sich alleine die Zahl der Kenianer*innen in den letzten zehn Jahren verdreifacht hat. Viele Migrant*innen arbeiten in Bau, Logistik, Tourismus und Haushaltsdienstleistungen – Sektoren, die früh auf konjunkturelle Einbrüche reagieren. Wenn ihre Einkommen dort zurückgehen, sinken die Rücküberweisungen entsprechend schnell, mit Effekten auf Haushaltsbudgets und Konsum in den afrikanischen Herkunftsländern der Migrant*innen.

Besonders relevant ist dieser Zusammenhang in Ägypten. Die Summe aller Rücküberweisungen machen dort gut 7 Prozent des BIP (2024) aus und gehören mit Größenordnungen von über 30 Milliarden US-Dollar jährlich zu den wichtigsten Quellen für Devisen. Sie finanzieren damit auch Importe und stabilisieren den Wechselkurs. Rückgänge in den Überweisungen schlagen entsprechend nicht nur auf Haushaltseinkommen durch, sondern auch auf die externe Stabilität der Volkswirtschaft. Die Forschung aus anderen Kontexten zeigt, dass Migrant*innen meist regelmäßig, nicht selten auch mehrmals im Monat Geld rücküberweisen. Verlorene Einkommensmöglichkeiten wirken sich daher sehr schnell auf Geldflüsse aus. Selbst wenn Migrant*innen oft versuchen, den Effekt für ihre Familien abzumildern und eher selbst den Gürtel enger schnallenleben aktuell 7 Prozent der ägyptischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, sodass sich Einkommensverluste schnell in Konsumverzicht übersetzen.

Uganda, Kenia und Äthiopien sind ebenfalls stark von der Reduktion der Rücküberweisungen betroffen, in mancher Hinsicht noch stärker als Ägypten. Zwar machen Überweisungen dort nur jeweils 2,7 Prozent, 4,2 Prozent und 4,8 Prozent des BIP aus, doch das niedrigere Einkommensniveau bedeutet, dass betroffene Haushalte weniger Ersparnisse haben, um Einkommensausfälle abzufedern. Ein Rückgang der Überweisungen schlägt sich daher noch direkter in weniger Konsum und einer verschlechterten Ernährungslage nieder.

Darüber hinaus ist der Sudan ein besonders kritischer Sonderfall: Das Land befindet sich seit 2023 im Bürgerkrieg, Millionen Menschen sind auf der Flucht, und die Wirtschaft ist weitgehend kollabiert. Rücküberweisungen aus den Golfstaaten sind unter diesen Umständen für viele Haushalte keine Ergänzung zum Einkommen, sondern die einzige verbleibende Einkommensquelle. Dass ein Großteil dieser Transfers über informelle Kanäle erfolgt und es an offiziellen Zahlen fehlt, macht die Abhängigkeit kaum quantifizierbar und die Problematik auf globaler Bühne unsichtbar.

Ohne vollständige Zahlungsdaten dienen Migrationsmuster als ergänzender Anhaltspunkt für die Bedeutung von Rücküberweisungen in afrikanischen Wirtschaften. Beispielsweise weist Saudi-Arabien im Zensus 2022 etwa 715.000 Migrant*innen aus Sub-Sahara-Afrika, rund 159.000 Äthiopier*innen, 128.000 Ugander*innen und 92.000 Kenianer*innen, aus. Nationale Schätzungen dieser Herkunftsländer sind teils noch höher. Fest steht, dass hunderttausende Arbeitsmigrant*innen aus ostafrikanischen Ländern in den Golfstaaten tätig sind und deren Herkunftsländer somit eng mit den Arbeitsmärkten im Golf verflochten sind.

Dünge- und Lebensmittelpreise: Preisschock in Subsahara-Afrika

Die Blockade der Straße von Hormus als Seeweg ist von globaler Bedeutung. Regulär passieren täglich 20 Millionen Barrel Rohöl (etwa ein Fünftel der weltweiten Produktion) die ca. 50 Kilometer breite Meerenge. Doch aktuell sind mit dem Handel bis zu 30 Prozent der weltweiten Öl- und Gastransporte zum Erliegen gekommen. Dies wirkt sich, abgesehen von den unmittelbar steigenden Öl- und Gaspreisen, auch auf Lebens- und Düngemittelpreise aus.

Der Zusammenhang zwischen Düngemitteln und Ölexporten besteht darin, dass zur Herstellung von Kunstdünger, speziell von Stickstoffdünger, Ammoniak verwendet wird. Dieser wird mittels des Haber-Bosch-Verfahrens unter hohen Temperaturen und starkem Druck hergestellt. Weil der Prozess sehr energieintensiv ist, bleiben mit steigenden Energiekosten viele Anlagen still. Fast ein Drittel des weltweiten Ammoniaks und etwa die Hälfte des global gehandelten Schwefels werden in der Golfregion produziert. Zudem sind Saudi-Arabien und Iran der drittgrößte, respektive viertgrößte Exporteur von Stickstoffdünger.

Ökonomisch entsteht somit eine Kette von Engpässen: Energie verteuert sich, die Chemieproduktion reagiert überproportional, Düngemittel werden knapper und teurer, und diese Kosten schlagen auf Landwirtschaft und Lebensmittelpreise durch. Allein in Deutschland sind die Düngerpreise um 40 Prozent angestiegen.

Forschende am Kiel Institut haben simuliert, wie sich das auf Afrika auswirkt. Die Lebensmittelpreise würden danach im globalen Durchschnitt moderat um rund drei Prozent steigen. Auf Länderebene fallen die Effekte deutlich stärker aus. In einzelnen Ländern ergeben sich zweistellige Anstiege, unter anderem in Sambia, der DR Kongo, Tschad und Nigeria. Da eine Kaskade von Effekten aus der Energiebranche und aus der chemischen Produktion bis in die Landwirtschaft reicht, sind die resultierenden Wohlfahrtseffekte trotz der lokalen Anpassungsreaktionen von Bevölkerung oder Produzenten in einigen Ländern sehr groß.  Die Simulationen zeigen etwa −5,5 Prozent Wohlfahrtsverlust in Sambia und rund −2,5 Prozent in der Demokratischen Republik Kongo. Diese werden im Simulationsmodell in Form realer Einkommensverluste eines repräsentativen Konsumenten gemessen. Auch Mali, Niger und Togo liegen im Bereich von −1 bis −2 Prozent.

Globaler Schock, ungleiche Folgen

Die starken Auswirkungen des Iran-Kriegs in Afrika erklären sich aus der großen Abhängigkeit von importierten Düngemitteln auf dem Kontinent. So gibt es kaum Alternativen, wenn die Preise für Düngemittel steigen oder Lieferungen ganz ausbleiben.

Zum einen sind die Anpassungsmöglichkeiten bei der Nutzung von Düngemitteln begrenzt. So sind Prozesse sowohl auf der Produktionsseite in der Düngemittelindustrie technisch gebunden, als auch vonseiten landwirtschaftlicher Betriebe unflexibel. Sie können ihre Inputkombinationen kurzfristig nur eingeschränkt verändern.

Zum anderen ist der zusätzliche Ertrag, der durch den Einsatz von Dünger entsteht, in vielen dieser Länder proportional wichtiger. Der Einsatz von Düngemitteln pro Hektar ist relativ niedrig und deutlich geringer als beispielsweise in Deutschland, sodass Veränderungen sich direkter auf die Erträge durchschlagen. Die Preissteigerungen beim Dünger bewirken deshalb nicht nur höhere Produktionskosten, die an die Konsumenten weitergegeben werden, sondern gefährden auch direkt die Gesamtproduktionsmengen, was wiederum die Preise für die Endverbraucher deutlich erhöhen wird. Der negative Effekt über den Dünger wird erst mit einer leichten Verzögerung mit der nächsten Ernte auftreten.

Der Iran-Krieg verstärkt Risiken und Instabilität in Afrika

In vielen Ländern Subsahara-Afrikas haben Haushalte bereits vor dem Iran-Krieg mehr als die Hälfte ihres Einkommens, in manchen Krisenregionen sogar über 80 Prozent, für Lebensmittel und Energie aufgewendet. Diese Regionen treffen die wirtschaftlichen Folgen überproportional stärker als den Rest der Welt: schon kleine Preisveränderungen der Lebensmittelpreise können in solchen Situationen große Effekte auf die Ernährungslage haben, besonders wenn sie mit Kostensteigerungen bei Propan und anderem Treibstoff sowie dem Ausbleiben von Rücküberweisungen gekoppelt sind.

Während Europa und Amerika bei weiteren Handelseinschränkungen vermutlich weniger Halbleiter, Karosserie- und Flugzeugbauteile sowie Stromkabel zur Verfügung haben wird, sind in Ost- und Südafrika jetzt schon insgesamt 87 Millionen Menschen von Hunger bedroht – bei weiter steigender Ernährungsunsicherheit.

Implikationen

Die Verwundbarkeit, die der Iran-Krieg offenlegt, ist älter als der Krieg selbst. Die Abhängigkeit von importierten Düngemitteln, die enge Verflechtung ostafrikanischer Arbeitsmärkte mit den Golfstaaten, die schmale Einkommensbasis der betroffenen Haushalte: all das bestand bereits vor dem amerikanisch-israelischen Angriff. Der Krieg verdeutlicht nun, was in friedlicheren Zeiten strukturell weniger sichtbar ist.

Die Debatte in Europa dreht sich bislang vor allem um Ölpreise, Lieferketten und nukleare Proliferation. Dass ein verlängerter Konflikt am Persischen Golf die Ernährungslage in Subsahara-Afrika unmittelbar verschlechtert, spielt kaum eine Rolle. Für Deutschland und Europa wäre das ein Argument, sich stärker als bisher für eine langfristige Deeskalation und eine dauerhafte Wiedereröffnung der Straße von Hormus einzusetzen, die auch über die gerade verkündete zweiwöchige Waffenruhe hinausgeht.

Für die Entwicklungszusammenarbeit und die humanitäre Hilfe folgt daraus Handlungsbedarf auf zwei Ebenen. Unmittelbar braucht es mehr Mittel für die am stärksten betroffenen Länder, insbesondere dort, wo Wohlfahrtsverluste und bereits bestehende Ernährungsunsicherheit zusammentreffen - wie im Sudan. Mittelfristig stellt sich die grundsätzlichere Frage, wie die strukturelle Importabhängigkeit Afrikas bei Düngemitteln und perspektivisch auch Energie verringert werden kann. Investitionen in regionale Produktionskapazitäten, die auch kommerzielles Potenzial bieten, können hier für einzelne afrikanische Länder lohnend sein.

Prof. Dr. Tobias Heidland ist Projektleiter von Megatrends Afrika, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Leiter des Forschungszentrums „Internationale Entwicklung“ am Kiel Institut.

Ann-Marie Verhoeven ist Froschungsassistentin bei Megatrends Afrika am Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit (SWP).