Anti-Migrationsproteste in Südafrika: Wahlkampf auf dem Rücken der Schwächsten
Megatrends Spotlight 77, 17.07.2026In Südafrika verschärft sich landesweit xenophobe Gewalt. Melanie Müller analysiert, wer hinter den Protesten steht, wie soziale Not instrumentalisiert wird und warum die Regierung mit einer strengeren Migrationspolitik reagiert.

Teilnehmer einer Demonstration gegen Einwanderung an dem Stichtag, der von Anti-Einwanderungs-Gruppen festgelegte wurde als inoffizielle Frist für die Ausreise aller Migrant:innen ohne Aufenthaltsgenehmigung, 30. Juni 2026, Durban, Südafrika.
© picture alliance / REUTERS | Rogan Ward
Bei xenophoben Protesten in Südafrika kam es in den letzten Monaten immer wieder zu Gewalt wie Hetzjagden und Übergriffen gegen Migrant:innen, teilweise mit Todesfolge. Die antimigrantischen Gruppen schreckten auch vor Selbstjustiz nicht zurück. So bedrohten sie Menschen und verlangten, ihre Ausweispapiere einzusehen, um zu prüfen, ob sie einen gültigen Aufenthaltsstatus haben. Verschiedene Gruppen – die zentralen Akteure sind „March and March“ und „Operation Dudula“ – riefen dann den 30. Juni 2026 als Stichtag aus. Bis zu diesem Tag sollten Menschen ohne gültige Papiere das Land verlassen. Was andernfalls mit ihnen geschehen sollte, ließen sie bewusst offen.
Die Stimmung in Südafrika war demnach bis zum 30. Juni sehr angespannt: Eine Koalition aus über 160 Organisationen verurteilte die Proteste und rief zum Schutz von Migrant:innen auf. Arbeitgeber:innen baten nicht in Südafrika geborene Beschäftigte, zum Schutz vor Übergriffen an dem sogenannten Stichtag zu Hause zu arbeiten. Die Polizei verstärkte ihre Präsenz, über 900 Menschen wurden verhaftet.
Wenngleich die befürchtete größere Eskalation verhindert werden konnte, fanden am 30. Juni 120 Protestaktionen statt, bei denen es immer wieder zu Gewalt kam. Die Drohungen der Gruppen haben ihre Wirkung nicht verfehlt: Viele Migrant:innen – auch solche mit Aufenthaltstitel – leben in Angst oder haben das Land unter dem Druck verlassen. Die antimigrantischen Gruppen haben angekündigt, ihre Proteste jeden Donnerstag bis zu den Kommunal- und Lokalwahlen am 4. November 2026 fortzusetzen. Über die Dauer ihrer Kampagne lassen sie keinen Zweifel: „Until they’re gone“.
Arbeitslos, Wohnungslos, ohne Strom: Prekäre Verhältnisse als politisches Mobilisierungsfeld
Gewalt gegen Migrant:innen in Südafrika ist kein Novum. 2008 wurden 62 Menschen bei xenophoben Protesten getötet, auch 2015 und 2019 kam es zu Unruhen. Doch seit 2022 hat die xenophobe Bewegung einen neuen Charakter angenommen und ist im Wahljahr 2026 zu einem landesweiten Phänomen geworden. Vieles spricht dafür, dass es sich nicht ausschließlich um eine Bewegung „von unten“ handelt, sondern dass die Proteste zumindest zum Teil orchestriert werden, um sie politisch zu instrumentalisieren und Unruhe im Land zu stiften.
Die Gruppen zielen auf die Mobilisierung von weniger gut ausgebildeten und jungen Menschen in prekären Lebensumständen mit Schwierigkeiten auf dem südafrikanischen Arbeitsmarkt ab. Sie argumentieren, dass Migrant:innen den Südafrikaner:innen die ohnehin knappen Jobs wegnähmen. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 32 Prozent, bei jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren allerdings bei über 60 Prozent (Stand 2026). Viele sind von der Bilanz des African National Congress (ANC) enttäuscht, der eine wirtschaftliche Transformation des Landes nach dem Ende der Apartheid versprach, dieses Versprechen aber nur bedingt eingehalten hat. Diese Unzufriedenheit geht über den Arbeitsmarkt hinaus. Aufgrund des schlechten Zugangs zu Dienstleistungen wie Wohnraum, Wasser, Elektrizität und auch wegen der hohen Kriminalitätsraten kommt es in vielen südafrikanischen Gemeinden regelmäßig zu Protesten gegen das empfundene Versagen der Politik auf lokaler Ebene. Dies gilt besonders in sozialschwachen Gegenden, in denen viele Menschen auf engem Raum zusammenleben und sich beispielsweise einen der wenigen Wasseranschlüsse teilen oder aufgrund der schlechten medizinischen Infrastruktur lange auf Behandlungen warten müssen.
In dieser Situation bedeutet Zuwanderung oft eine Verschärfung der durch die schlechten Verhältnisse ohnehin bestehenden Konkurrenzsituation. Diese Wahrnehmung besteht, obwohl die offiziell gemeldeten Migrant:innen mit 3 Millionen Menschen nur rund 5,1 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Zahl aufgrund undokumentierter Migration höher liegt, ist ein solcher Anteil nicht auffällig groß. Studien weisen zudem auf positive wirtschaftliche Effekte der Migration hin und können die verbreitete Verbindung zwischen Migration und Kriminalität nicht bestätigen.
Nationale Bewegung zwischen Protest, xenophober Gewalt und Selbstjustiz
Obwohl die Gründe für die schlechte Lage im Land und die Lebenssituation der Ärmsten vielschichtig sind, machen die organisierenden Gruppen wie „March and March“ oder „Operation Dudula“ gezielt Migrant:innen verantwortlich. Die Kampagnen verfangen: Studien zeigen, dass die Vorbehalte gegen Migration in Südafrika insgesamt zugenommen haben.
„Operation Dudula“ wurde bereits während der Covid-Pandemie gegründet und registrierte sich 2023 als politische Partei. „Dudula“ kommt aus der Sprache isiZulu und meint übersetzt „to push out“. Die Gruppe fordert die Abschiebung von Migrant:innen ohne Aufenthaltstitel und einen Zugang zu Arbeitsplätzen primär für Südafrikaner:innen. Verschiedene Übergriffe der Mitglieder von „Operation Dudula“ auf Migrant:innen wurden dokumentiert. Sie vertrieben Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit aus ihren Häusern, blockierten deren Zugang zu Krankenhäusern und Schulen oder schüchterten informelle Händler:innen ein.
„March and March“ wurde 2024 gegründet. Die Gruppe agiert ähnlich wie „Operation Dudula“, hat aber über ihre Gründerin eine größere Reichweite bekommen: Jacinta Ngobese-Zuma ist eine Radiomoderatorin, der mittlerweile über 168.000 Menschen auf Instagram folgen, wo sie sich als besorgte Mutter und Bürgerin inszeniert und regelmäßig Videos über vermeintliche und reale Gewalttaten von Migrant:innen postet. „March and March” bezeichnet sich selbst als “Bürgerbewegung”. Das Narrativ ist: Angesichts des Versagens der Politik nehmen wir unsere Angelegenheiten selbst in die Hand.
Zweifel an der Unabhängigkeit und Gegenbewegung
Soziale Medien spielen bei der Mobilisierung eine wichtige Rolle. Analysen der Unternehmensberatung Murmur Intelligence konnten zeigen, dass ein antimigrantisches Online-Netzwerk bereits seit sechs Jahren in sozialen Medien mobilisiert. Die Art der Verbreitung legt den Verdacht nahe, dass es sich um eine koordinierte Kampagne handelt mit dem Ziel, migrationsfeindliche Narrative mithilfe von Algorithmen zu verbreiten.
Trotz regelmäßiger gegenteiliger Beteuerungen gibt es zudem Zweifel an der politischen Unabhängigkeit von „March and March“. Recherchen des investigativen Journalist:innen-Netzwerks amaBhungane zeigen, dass Spendengelder für „March and March“ über ein privates Konto von Nozibusiso Khambule laufen, der zum familiären Umfeld des ehemaligen Präsidenten Jacob Zuma gehört. In verschiedenen südafrikanischen Medien wird debattiert, ob die xenophoben Kampagnen mit Geldern aus dem Ausland finanziert werden. Auch über russischen Einfluss wird angesichts Zumas enger Verbindungen zu Putin spekuliert.
Die Nähe zur Partei von Zuma, Umkhonto weSizwe (MK), hat die Sorge vor großflächigen gewaltsamen Ausschreitungen in Südafrika genährt, wie sie sich in KwaZulu-Natal (KZN) sowie in der Provinz Gauteng bereits 2021 nach der Verhaftung Zumas wegen Korruption und State Capture entzündeten. Auch damals wurden unzufriedene Menschen gezielt über soziale Medien mobilisiert. KZN ist sowohl die Heimatprovinz von Zuma, der früher zum ANC gehörte, als auch die Region, in der “March and March“ gegründet wurde. Bis heute werden dort die meisten Proteste organisiert – immer wieder unterstützt von MK-Politiker:innen.
Gleichzeitig gibt es auf zivilgesellschaftlicher Seite eine Gegenbewegung. Bereits 2025 reichten vier Organisationen vor dem südafrikanischen High Court Klage ein. Sie richtete sich erstens gegen Mitglieder der „Operation Dudula“ wegen ihrer gewaltsamen Vorgehensweise gegen Migrant:innen und zweitens gegen die südafrikanische Regierung wegen Untätigkeit angesichts xenophober Gewalt. Zu den Klägern gehören lokale Basisbewegungen, die unter anderem informelle Händler:innen oder Menschen, die in informellen Siedlungen leben, vertreten. Sie setzen sich explizit für die Rechte von Migrant:innen ein und solidarisieren sich mit wirtschaftlich abgehängten Menschen.
Im relativ umfassenden Urteil des High Court vom November 2025 betont das Gericht unter anderem, dass Menschenrechte auch dann gelten, wenn eine Person keine Staatsbürgerschaft oder Aufenthaltstitel besitzt. Mitgliedern der „Operation Dudula“ wurde gerichtlich untersagt, Hassreden zu verbreiten und Menschen zu bedrängen und zu verfolgen. Das Gericht wies die Regierung zudem an, den „National Action Plan to Combat Racism, Racial Discrimination, Xenophobia and Related Intolerance“ von 2019 umzusetzen, ein Frühwarnsystem für xenophobe Hassverbrechen einzusetzen und die Daten entsprechend zu veröffentlichen.
Verschärfte Migrationspolitik mit Folgen für die gesamte Region
Obwohl der High Court der Regierung den Weg dafür ebnete, die Rechte von Migrant:innen zu stärken, hat sich Südafrikas Regierung, das aus zehn Parteien bestehende Government of National Unity (GNU), in ihrer Reaktion vorrangig auf eine Verschärfung der Migrationspolitik eingelassen. Der vom Kabinett verabschiedete „Comprehensive Approach for Migration Management“ sieht Abschiebungen, verstärkte Grenzkontrollen, Programme zur freiwilligen Rückkehr und Maßnahmen gegen die Beschäftigung undokumentierter Menschen vor. Um rechtsstaatlichen Grundsätzen bei der Einwanderung mehr Geltung und Wirkung zu verschaffen, soll die Korruption in südafrikanischen Behörden bekämpft werden. Das Zurückdrängen der xenophoben Attacken oder die Stärkung der Rechte von Migrant:innen sind in dem Kabinettsbeschluss nicht enthalten, wenngleich die Regierung die Hintergründe der sozialen Unruhen untersuchen will. Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa (ANC) und verschiedene Minister der Regierung haben die Gewalt gegen Migrant:innen allerdings immer wieder verurteilt.
Dennoch ist dies eine deutliche migrationspolitische Verschärfung. Insbesondere der ANC fürchtet, bei den diesjährigen Wahlen noch mehr Stimmen zu verlieren als bei den letzten nationalen Wahlen 2024, als er zum ersten Mal seit dem Ende der Apartheid gezwungen war, mit anderen Parteien zu regieren. Die zweitgrößte Partei in der GNU-Koalition, die Democratic Alliance (DA), leitet das Innenministerium und will hier unter Beweis stellen, dass sie regierungsfähig ist. Sie hat angekündigt, die Reformen auch umsetzen. Zudem steht das GNU-Bündnis unter Druck aus den eigenen Reihen. Mit der Patriotic Alliance ist eine rechtsgerichtete Partei Teil der Koalition. Sie stellt einen Minister und drängt innerhalb der Regierung auf härtere Maßnahmen.
Mitte Juli vermeldete die südafrikanische Regierung es bereits als Erfolg, dass 53.000 Menschen abgeschoben oder zurückgeführt worden seien, viele davon in Länder in der unmittelbaren Nachbarschaft wie Simbabwe, Mosambik oder Malawi – wo die sozioökonomischen Perspektiven weitaus schlechter sind als in Südafrika. Ob diese Politik zu mehr Sicherheit in der Region beiträgt, ist fraglich. Vielmehr könnte es in den Nachbarstaaten zu einer Verschlechterung der wirtschaftlichen und politischen Lage kommen.
Migration als Thema für die deutsche und europäische Zusammenarbeit mit Südafrika
Lautstarke, gut organisierte und manipulative Anti-Migrationsbewegungen einerseits, ein hoher Handlungsdruck auf die Regierung andererseits – im Umgang mit Migration sind Deutschland und Südafrika mit ähnlichen Rahmenbedingungen konfrontiert. Beide Länder stehen vor der Herausforderung, migrationspolitische Maßnahmen umzusetzen, ohne den Schutz von Migrant:innen aus dem Blick zu verlieren. Deswegen empfiehlt sich für Deutschland ein kollaborativer Ansatz. So könnte ein Austausch politischer Entscheidungsträger:innen im Rahmen des „strategischen Dialogs“ über den Umgang mit xenophoben und in letzter Instanz demokratiefeindlichen Bewegungen fruchtbar sein. Die Ergebnisse eines solchen Austauschs unter verschiedenen Partnern könnten auch außerhalb der eigenen Länder Impulse setzen.
Südafrika arbeitet mit der EU bereits im Bereich Migration zusammen, so dass auch hier Anknüpfungspunkte bestehen, um Erfahrungen darüber auszutauschen, wie das Management von Migration unter Einhaltung von menschenrechtlichen Standards gelingen kann. Angesichts der zunehmenden Auswirkungen der südafrikanischen Migrationspolitik auf Nachbarstaaten wie Simbabwe, Mosambik oder Malawi erscheint insbesondere eine stärkere regionale Zusammenarbeit sinnvoll.
Deutschland und die EU könnten etwa gemeinsam mit der IOM und regionalen Partnern die Herkunfts- und Nachbarländer bei der nachhaltigen Reintegration von Rückkehrenden unterstützen, um so zumindest die schlimmsten Folgen für die Menschen abzufedern.
Dr. Melanie Müller ist Wissenschaftlerin in und stellvertretende Leiterin der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).