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Wie das Militär in Ägypten mit Gewalt den Goldsektor umbaut

Megatrends Spotlight 57, 05.11.2026

An der ägyptisch-sudanesischen Grenze floriert der Goldabbau. Doch zuletzt wurden sudanesische Goldschürfer mutmaßlich von Ägyptens Luftwaffe bombardiert. Stephan Roll und Paula Martini analysieren, wie Gewalt und wirtschaftliche Interessen des Militärs die Neuordnung des Goldsektors bestimmen.

Am 10. Oktober 2026 kam es nahe der ägyptisch-sudanesischen Grenze zu einem Massaker. Bei einem Luftangriff wurden nach Angaben der sudanesischen Menschenrechtsorganisation Emergency Lawyers mindestens 114 Goldschürfer getötet. Die Grenzregion ist auf beiden Seiten reich an Goldvorkommen, die seit Jahren informell von Kleinschürfern erschlossen werden. Augenzeugen berichten von Militärflugzeugen und wiederholten Bombenabwürfen auf Goldschürfer, wobei sich die Angriffe möglicherweise auf sudanesischem Staatsgebiet ereigneten. Medien und Menschenrechtsorganisationen machen Ägypten für diesen Luftschlag verantwortlich, eine internationale Verurteilung blieb indes aus. Kairo selbst hat ihn bislang weder bestätigt noch dementiert. Bereits im Juni hatte Ägyptens Luftwaffe im Grenzgebiet informelle Goldminen angegriffen. Nach Angaben ägyptischer Sicherheitsbeamter hielten sich in der Region bis zu 50.000 sudanesische Goldschürfer auf. Die zunehmende militärische Gewalt gegen Goldschürfer fällt in eine Phase, in der die ägyptische Regierung den industriellen Goldabbau massiv ausweiten und für private Investoren öffnen will. Bei dieser Neuordnung nimmt das Militär eine zentrale Rolle ein – sowohl bei der Regulierung und Kontrolle des Sektors als auch als wirtschaftlicher Akteur, der erheblich von dieser Expansion profitiert.

Ausbau der ägyptischen Goldindustrie

Mitte Juli 2024 verkündete der ägyptische Erdöl- und Bergbauminister Karim Badawi ein ambitioniertes Ziel: Bis 2030 soll die jährliche Goldproduktion des Landes gegenüber dem Haushaltsjahr 2023/24 um rund 43 Prozent auf 800.000 Unzen gesteigert werden. Dieser Zielwert entspräche knapp 25 Tonnen Gold pro Jahr mit einem Marktwert von derzeit rund 3,2 Milliarden US-Dollar – angesichts der chronischen Devisenknappheit und hoher Auslandsverschuldung eine wichtige Einnahmequelle für Ägypten.

Bislang konzentrierte sich die industrielle Goldförderung des Landes weitgehend auf die Sukari-Mine nahe des Touristenortes Marsa Alam. Seit 2020 treibt die Regierung jedoch die Erschließung weiterer Vorkommen voran. Dabei setzt sie darauf, den Sektor für private und internationale Investoren zu öffnen, und erhält hierfür Unterstützung von europäischer Seite: Die Europäische Union (EU) fördert im Rahmen ihrer 2024 mit Ägypten geschlossenen strategischen Partnerschaft die grundsätzliche Stärkung des Privatsektors. Gleichzeitig hat die mehrheitlich in europäischem Besitz befindliche Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) im Mai 2026 mit der ägyptischen Bergbaubehörde eine Zusammenarbeit vereinbart, um den Bergbausektor des Landes zu modernisieren.

Nach einer Reform der Lizenz- und Abgabenregelungen haben im November 2020 sieben internationale und vier ägyptische Bergbauunternehmen Explorationslizenzen für insgesamt 82 Gebiete in der Eastern Desert erhalten, der rohstoffreichen Wüsten- und Gebirgsregion zwischen dem Niltal und dem Roten Meer, die sich im Süden bis zur sudanesischen Grenze erstreckt. Weitere Vergaben folgten. Im Mai 2026 hat die Regierung den Marktzugang durch niedrigere Pachtgebühren erleichtert und Genehmigungsverfahren erneut beschleunigt. Zwei Monate später wurde durch die Bergbaubehörde ein flexibleres Lizenzvergabesystem eingeführt, in dessen Rahmen 261 Gebiete zur Goldexploration ausgeschrieben wurden.

Das Militär als zentraler Akteur

Unter Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi haben die Streitkräfte ihre Aktivitäten in der gesamten Wirtschaft des Landes signifikant ausgebaut. Im Bergbausektor wurde ihre Mitwirkung bei der Lizenzvergabe im Mai 2026 durch die Durchführverordnung zum Bergbaugesetz weiter gestärkt. Neben der bereits zuvor erforderlichen Zustimmung des Verteidigungsministeriums ist nun ausdrücklich auch die Zustimmung des Operationsstabes der Streitkräfte vorgesehen. Damit verfügt das Militär auch außerhalb der ihm unmittelbar unterstehenden Gebiete über ein Vetorecht bei der Konzessionsvergabe. Zudem ist es im Verwaltungsrat der neu organisierten Bergbaubehörde vertreten. Vor allem aber profitiert das Militär unmittelbar wirtschaftlich vom Goldabbau und ‑handel: Über seine National Service Projects Organization (NSPO) hält es 34 Prozent an der staatseigenen Shalateen Mineral Resources Company (SMRC, kurz Shalateen), die bei der Neuordnung des ägyptischen Goldsektors eine privilegierte Stellung innehat.

Das Unternehmen erhielt 2021 durch gesonderte gesetzliche Vereinbarungen umfangreiche Konzessionsrechte insbesondere an der Grenze zu Sudan , einem Gebiet, das zu den goldreichsten der Eastern Desert zählt. Anders als bei den internationalen Ausschreibungen wurden diese Rechte nicht im offenen Wettbewerb vergeben. Überdies hat Shalateen in der Provinz Assuan ein Verarbeitungszentrum errichtet, in dem kleinere Unternehmen und bislang informell tätige Goldschürfer ihre Aktivitäten unter staatlicher Aufsicht fortführen sollen.

Wie stark Shalateen innerhalb kürzester Zeit von der Neuordnung des Goldsektors profitiert hat, verdeutlichen die vom Unternehmen selbst veröffentlichten Zahlen: Die ausgewiesene Goldproduktion stieg von 266 Kilogramm im Jahr 2020 auf 950 Kilogramm im Jahr 2025. 2025 erzielte Shalateen einen Nettogewinn von mehr als 28 Millionen US-Dollar – eine Steigerung gegenüber 2020 um mehr als 800 Prozent. In welchem Umfang diese Gewinne an die Anteilseigner ausgeschüttet werden und wer darüber hinaus von den Ausgaben des Unternehmens profitiert, lässt sich anhand der öffentlich zugänglichen Unternehmensinformationen nicht nachvollziehen. Dies ist vor allem mit Blick auf die Beteiligung des Militärs relevant, dessen weitgehend intransparentes Wirtschaftsimperium erhebliche Einnahmen generiert, die einer wirksamen zivilen Kontrolle entzogen sind.

Shalateen zieht nicht nur wirtschaftlich Nutzen aus der Neuordnung des Goldsektors – das Unternehmen übernimmt offenbar auch staatliche Kontrollaufgaben. So soll es dazu beitragen, der informellen Goldförderung ein Ende zu setzen. Während diese in der Vergangenheit teilweise geduldet und das geförderte Gold zum Teil über private Handelsnetzwerke vermarktet wurde, soll Shalateen den Zugang zu den Goldvorkommen kontrollieren und die Förderung in staatlich regulierte Bahnen lenken. Damit schafft das Unternehmen zugleich Voraussetzungen für die angestrebte Ausweitung des industriellen Goldabbaus und die Vergabe weiterer Konzessionen an private Investoren. Hierzu ist nach offiziellen Angaben ebenfalls vorgesehen, dass es mit den Sicherheitsorganen und lokalen Behörden zusammenarbeitet.

Kontrolle durch massive Gewalt

Die Durchsetzung der staatlichen Kontrolle im ägyptischen Goldsektor geht mit massiver militärischer Gewalt gegen informelle Goldschürfer einher. Bereits im Juli 2023 kam es zu einer großangelegten Militäroperation südlich der Sukari-Goldmine, bei der Unterkünfte und Ausrüstung zerstört, zahlreiche Menschen festgenommen und Augenzeugenberichten zufolge auch Goldschürfer getötet wurden. Nach Recherchen des unabhängigen ägyptischen Nachrichtenportals Mada Masr soll Shalateen im Frühjahr 2026 zudem versucht haben, mehrere informell betriebene Abbaugebiete nahe der sudanesischen Grenze gewaltsam unter seine Kontrolle zu bringen.

Betroffen sind überwiegend sudanesische Kleinschürfer, häufig aus Darfur und Kordofan, die beiderseits der Grenze Gold abbauen. Über informelle Handelsnetzwerke gelangt das auf sudanesischer Seite gewonnene Gold nach Ägypten, während Lebensmittel, Treibstoff und Chemikalien in die Gegenrichtung transportiert werden. Nach Schätzungen von Chatham House könnten rund 60 Prozent des in den drei sudanesischen Bundesstaaten Northern State, River Nile State und Red Sea State geförderten Goldes auf diese Weise ihren Weg ins Nachbarland finden.

Auch die Bekämpfung des grenzüberschreitenden Schmuggels zählt zu den Zielen der ägyptischen Militärkampagne. Gleichzeitig hat das ägyptische Militär eigene wirtschaftliche Interessen am Goldhandel mit Sudan: Über die NSPO, die ebenfalls an Shalateen beteiligt ist, halten die ägyptischen Streitkräfte gemeinsam mit dem sudanesischen Militär Anteile an der Egyptian Sudanese Company (ESC), die in den Handel mit sudanesischem Gold involviert ist. 

Im Juni 2026 erreichte das militärische Vorgehen eine neue Eskalationsstufe. Ägyptische Kampfflugzeuge griffen mehrere informelle Goldminen im südlichen Grenzgebiet an. Anschließend rückten gepanzerte Einheiten in die Abbaugebiete vor, schlossen Minen und vertrieben Tausende Goldschürfer. Zahlreiche Betroffene wurden zudem nach Sudan abgeschoben. Die Operationen waren Teil einer Militärkampagne, die am 22. Juni offiziell angekündigt wurde.

Das mutmaßlich vom ägyptischen Militär verübte Massaker vom 10. Oktober könnte den vorläufigen Höhepunkt dieser Eskalation bilden. Dass die Angriffe möglicherweise südlich des 22. Breitengrads und damit auf sudanesischem Staatsgebiet stattfanden, schließt eine ägyptische Urheberschaft keinesfalls aus. Vielmehr könnte das Militär versucht haben, den Goldschürfern auch jenseits der Grenze ihre Rückzugsräume zu nehmen, eine Rückkehr in die ägyptischen Abbaugebiete zu verhindern und zugleich die grenzüberschreitenden informellen Handelsnetzwerke zu zerschlagen. Zwei Tage nach dem Massaker erklärten die Streitkräfte, dass ihre Kampagne gegen die informelle Goldförderung fortgesetzt würde. Sie rechtfertigten ihr Vorgehen mit dem Schutz nationaler Ressourcen und der Durchsetzung staatlicher Souveränität und warnten vor „irreführenden Gerüchten“ und „ausländischen Agenden“.

Fragwürdige europäische Unterstützung

Eine öffentliche Verurteilung der Gewalt gegen informelle Goldschürfer ist von europäischer Seite bislang ausgeblieben. Dies ist umso bemerkenswerter, als das militärische Vorgehen im Widerspruch zu zentralen Zielsetzungen der Zusammenarbeit mit Ägypten steht. Die 2024 zwischen der EU und Ägypten vereinbarte strategische Partnerschaft, die durch Makrofinanzhilfen in Höhe von fünf Milliarden Euro flankiert wird, zielt neben einer engeren Zusammenarbeit in der Migrations- und Sicherheitspolitik vornehmlich auf wirtschaftliche Stabilisierung. Eine wichtige Rolle spielt dabei, den Privatsektor zu stärken und das Investitionsklima zu verbessern. Die dominante Stellung des Militärs im Goldsektor steht diesen Zielen entgegen. Vor allem aber knüpft Artikel 2 des Beschlusses des Europäischen Parlaments und des Rates von 2025 die Gewährung der Makrofinanzhilfen an die Voraussetzung, dass Ägypten konkrete und glaubwürdige Schritte zur Achtung demokratischer Prinzipien, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte unternimmt. Angesichts der militärischen Gewalt gegen informelle Goldschürfer ist mehr als fraglich, inwieweit diese Voraussetzung noch erfüllt ist.

Auch die Zusammenarbeit der EBRD mit der ägyptischen Bergbaubehörde wirft Fragen auf. Noch Ende September 2026 berieten EBRD und ägyptische Bergbaubehörde über ihre im Mai vereinbarte Zusammenarbeit, die den ägyptischen Bergbausektor modernisieren und Investitionsbedingungen verbessern soll. Solche Bemühungen laufen jedoch ins Leere, solange das Militär seine privilegierte Stellung im Goldsektor weiter ausbaut und dabei in einer Doppelrolle auftritt: als wirtschaftlicher Akteur und als Regulierungsinstanz. Dass es seine Interessen zudem mit Gewalt durchsetzt, steht im fundamentalen Widerspruch zu den erklärten Grundsätzen der Entwicklungsbank, die sich sowohl der Förderung marktwirtschaftlicher Strukturen als auch der Achtung der Menschenrechte verpflichtet hat.

Aus diesen Widersprüchen sollten die Europäer Konsequenzen ziehen. Sie sollten die Gewalt gegen informelle Goldschürfer öffentlich verurteilen und insbesondere mit Blick auf das Massaker vom 10. Oktober auf eine unabhängige Untersuchung drängen. Die Auszahlung der letzten Tranche der Makrofinanzhilfen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro ist für Ende 2026 oder Anfang 2027 vorgesehen – die EU sollte sie abhängig machen von der Einhaltung menschenrechtlicher Verpflichtungen sowie von überprüfbaren Fortschritten beim Abbau von Wirtschaftsprivilegien für das Militär. Artikel 4 des oben genannten EU-Beschlusses von 2025 sieht eine solche Aussetzung oder Streichung der Zahlungen explizit vor, wenn die vereinbarten Voraussetzungen nicht gegeben sind. Die EBRD wiederum sollte ihre Zusammenarbeit mit der ägyptischen Bergbaubehörde aussetzen, solange nicht sichergestellt ist, dass die Neuordnung des Goldsektors ohne militärische Gewalt und unter fairen Wettbewerbsbedingungen erfolgt. Andernfalls droht die europäische Unterstützung eine Politik zu legitimieren, die Wirtschaftsprivilegien für das Militär festigt und schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen in Kauf nimmt.

Dr. Stephan Roll ist Senior Fellow in der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Paula Martini ist Forschungsassistenz der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) sowie im Projekt Megatrends Afrika.