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Der Iran-Krieg als Stresstest für die „Diversifizierung von Partnerschaften“ im Sahel

Megatrends Spotlight 53, 16.04.2026

Die Sahel Staaten haben den Krieg der USA gegen Iran trotz vertiefter Beziehungen mit Teheran nicht verurteilt. Das liegt an geostrategischen Kalkülen, denn die Militärregime wollen den aktuellen Annäherungsprozess an die USA nicht gefährden. Dabei laufen sie Gefahr, innenpolitisch an Rückhalt einzubüßen.

Während der Angriff der USA und Israels auf den Iran von der Afrikanischen Union, der Regionalorganisation ECOWAS und einigen afrikanischen Regierungen mit Sorge kommentiert oder sogar verurteilt wurde, blieben staatlichen Reaktionen im Sahel verhalten bzw. gänzlich aus. Zwar sprachen Regierungsvertreter mit einem Eintrag in das Kondolenzbuch für Ali Chamenei ihrem „Brudervolk“ Iran ihr Beileid für den Tod des obersten Führers der islamischen Republik aus, der am 28. Februar bei einem israelisch-US-amerikanischen Luftangriff ums Leben gekommen war. Von einer Kritik an dem US-israelischen Vorgehen war indes keine Rede. 

Dies steht in scharfem Kontrast zu der Reaktion der Regime im Sahel auf die militärische Intervention der USA in Venezuela und die Entführung von Präsident Nicolás Maduro Anfang Januar 2026. In einem offiziellen Communiqué der Allianz der Sahelstaaten (AES), in der sich Mali, Burkina Faso und Niger nach den Machtübernahmen der Militärs im Jahr 2023 zusammengeschlossen hatten, verurteilte die Konföderation den Angriff als „illegalen Akt der Aggression“, der die Souveränität Venezuelas verletze. 

Die Zurückhaltung im Falle des Kriegs der USA und Israels gegen den Iran scheint umso überraschender, als dass sich Mali, Burkina Faso und Niger im Anschluss die Putsche nicht nur regional, sondern auch international neu aufgestellt hatten. Neben dem im Namen einer neo-souveränistischen Agenda vollzogenen Bruch mit westlichen Partnern, darunter auch den USA, suchten die Militärregime die Nähe zu anderen autoritären Regimen – darunter auch Iran.

Vertiefte Beziehungen zwischen den Sahel-Staaten und Iran

Auf rhetorischer Ebene betonten die AES Regime bei diplomatischen Treffen mit iranischen Regierungsvertretern gerne die Parallelen zwischen den Sahel-Staaten und dem Iran. Sie bezogen sich dabei auf ein gemeinsames revolutionäres Selbstverständnis, das sich auch im Widerstand gegen den Westen, und den angeblich vom Westen unterstützten Terrorismus widerspiegele. Die Annäherung zwischen den Sahel-Staaten und Iran vollzog sich jedoch nicht nur auf diplomatischer Ebene, sondern auch im Bereich der Sicherheits- und Wirtschaftskooperation. 

Erst kurz vor Kriegsbeginn, am 23. Februar 2026, wurde der Verteidigungs- und Kriegsminister von Burkina Faso, Célestin Simporé, in Teheran empfangen. Bei der Zusammenkunft mit Irans Präsident Massoud Pezeshkian sowie seinem Amtskollegen Aziz Nasirzadeh, der fünf Tage später im Zuge des US-amerikanisch-israelischen Angriffs auf Iran getötet wurde, soll es auch um den Ausbau der militärischen Beziehungen zwischen Burkina Faso und Iran gegangen sein. 

In Mali empfing Premierminister General Abdoulaye Maïga noch am 26. Februar 2026 den neuen iranischen Botschafter Mahmoud Khani Jooyabad, um über die Ausweitung der Zusammenarbeit in den Bereichen Politik, Sicherheit und Technologie zu beraten.

Niger hatte bereits im Mai 2025 ein Verteidigungs- und Sicherheitsabkommen mit Iran unterzeichnet, das u.a. Ausbildungsmaßnahmen für nigrische Sicherheitskräfte und den Austausch geheimdienstlicher Informationen vorsieht. Darüber hinaus wird vermutet, dass Niger und Iran über den Verkauf von 300 Tonnen nigrischen Uranerzes verhandelt haben sollen, nachdem Niamey die Kooperation mit dem französischen Bergbaukonzern Orano aufgekündigt hatte. Im Gegenzug soll Iran Waffenlieferungen zugesagt haben, darunter Drohnen und Boden-Luft-Raketen, sowie die Lieferung von Großgeneratoren zur Behebung von Nigers Energiedefizit und der Entwicklung der Landwirtschaft. Niamey hat diese Informationen dementiert. 

„Diversifizierung von Partnerschaften“: Rhetorik und Praxis

Um die ausbleibende Verurteilung des Angriffs der USA und Israels auf den Iran einzuordnen, lohnt es sich zunächst, die geostrategische Neuorientierung der Sahel-Staaten im Anschluss an die Militärputsche genauer in den Blick zu nehmen. Zwar vollzogen Mali, Burkina Faso und Niger mit dem Austritt aus traditionellen Sicherheitspartnerschaften und Bündnissen mit westlichen Akteuren eine radikale außenpolitische Kehrtwende, die sich vor allem innenpolitisch durch ihre hohe Popularität bezahlt gemacht hat. Doch folgt man den Narrativen der Militärregime, so lag ihr außenpolitisches Interesse seit ihren Machtübernahmen nicht per se in einer Abkehr vom Westen, sondern in einer „Diversifizierung der Partnerschaften“. Gemeint ist die Vermeidung einseitiger Abhängigkeiten und der Aufbau von Außenbeziehungen, die auf dem Respekt der „Souveränität“ der Sahel-Regime beruhen, d.h. keine Einmischung in innenpolitische Angelegenheiten beinhalten.

In der Praxis gelang es den drei Sahel-Regimen dabei bislang jedoch nicht, alternative Partnerschaften aufzubauen, die in Umfang und Wirkungskraft einen Ersatz für vorherige Kooperationsmodelle darstellen. Während Mali zwar beispielsweise die Sicherheitskooperation mit Russland ausgebaut hat, bleibt der Fußabdruck Moskaus in Niger und Burkina Faso begrenzt. Auch wirtschaftlich und finanziell bieten neue externe Akteure neben Absichtsbekundungen wenig Konkretes. 

Den Vorsatz, aus endogenen Bemühungen heraus die Sicherheitslage zu verbessern und die Entwicklung in der Region voranzutreiben, konnten die Regime ebenfalls nicht verwirklichen. Alle drei Sahel-Staaten befinden sich somit nicht nur in einer sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Abwärtsspirale, sondern geraten auch innenpolitisch zunehmend unter Druck, da sie ihren Versprechen einer Verbesserung der Lage nicht gerecht werden.

Wiederannäherung an die USA: Sicherheit für kritische Rohstoffe?

Vor diesem Hintergrund scheint es den Machthabern in Mali, Burkina Faso und Niger durchaus gelegen, dass die USA sich derzeit aktiv um eine Wiederannäherung bemühen – und zwar geleitet von einer transaktional ausgerichteten Agenda, ohne politische Konditionalitäten. Ende Februar 2026 unterzeichneten die USA beispielsweise ein Memorandum of Understanding mit Niger über eine Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich im Rahmen der „America First Global Health Strategy“ im Wert von 178 Millionen US-Dollar. Und zwischen Anfang Februar und Mitte März 2026 reiste der neu ernannte Leiter des Büros für afrikanische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Nick Checker, zwei Mal in die Sahel-Region, um vergangene „politische Fehltritte“ der USA zu korrigieren. Neben der Unterstützung der Sahel-Regime bei der Terrorismusbekämpfung stand auch die Stärkung der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen im Fokus der Gespräche. Analysten zufolge beabsichtigen die USA dabei vornehmlich, sich den Zugang zu den in der Region vorhandenen kritischen Rohstoffen (z.B. Lithium) zu sichern. Aber auch das Interesse an der Befreiung eines US-Bürgers, der im Oktober 2025 aus Niamey entführt worden war, soll die jüngste Dialoginitiative Washingtons geleitet haben. Im Gegenzug hoben die USA seit 2023 bestehende Sanktionen gegen den malischen Verteidigungsminister Sadio Camara sowie weitere hochrangige Funktionäre auf. Ihnen war vorgeworfen worden, mit russischen Söldnern zu kooperieren und dabei den Weg für Menschenrechtsverletzungen und die Ausbeutung der souveränen Ressourcen Malis geebnet zu haben. 

Außenpolitischer Pragmatismus statt innenpolitischem Populismus?

Die Zurückhaltung der Sahel-Staaten gegenüber dem Angriff der USA und Israels gegen den Iran mag sich also außenpolitisch bezahlt machen. Die Regime vermeiden damit, den Annäherungsprozess an die USA zu gefährden und andere strategische Partner, wie die Golfstaaten, zu vergrämen. In Zeiten, in denen die Zukunft des iranischen Regimes fraglich erscheint, zumindest aber die militärischen Ressourcen Teherans für die eigene Landesverteidigung gebunden sind, mag es sich mehr lohnen, auf die Kooperation mit Partnern zu setzen, die auch in Zukunft handlungsfähig sein werden. Allerdings läuft das strategische Kalkül des außenpolitischen Pragmatismus Gefahr, die Sahel-Regime innenpolitisch weiter zu schwächen, war doch der radikale Bruch mit westlichen Akteuren ein entscheidender Faktor, der die Popularität der Sahel-Regime in der eigenen Bevölkerung bislang gesichert hat. Mit Beginn des Kriegs gegen den Iran wurden auf gesellschaftlicher Ebene, und dabei insbesondere unter Befürworter*innen der Militärputsche und islamischen Geistlichen Solidaritätsbekundungen mit Iran und Rufe nach „Widerstand“ gegen die „imperialistische“ Politik der USA laut. Auch wenn sich der Protest auf Grund staatlicher Repression vornehmlich auf Bekundungen in den sozialen Medien beschränkt, ist davon auszugehen, dass eine mögliche Wideraufnahme der Sicherheitskooperation der Sahel-Staaten mit den USA den Unmut der Bevölkerung mit den Militärregimen ihrer Länder steigern wird. Auch den internen Zusammenhalt der Juntas sehen Beobachter*innen im Sahel angesichts der geopolitischen Reorientierung der Regime unter Druck, denn die Frage nach internationalen Partnerschaften, und dabei insbesondere die Positionierung gegenüber Russland und den USA, soll ein Aspekt interner Differenzen der neuen Machthaber sein. Eine Annäherung an die USA könnte – so die Vermutung – insbesondere den Generälen mit einer Nähe zu Washington das Selbstvertrauen geben, die Zügel der Macht in die Hand nehmen zu wollen, etwa durch einen weiteren Putsch. 

Lisa Tschörner ist Wissenschaftlerin bei Megatrends Afrika und Teil der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten der SWP.