Ruhe vor dem Sturm? Ägyptens Jugend unter Präsident al-Sisi
Megatrends Spotlight 50, 23.03.2026In Ägypten konnten Jugendproteste bislang durch systematische politische Kontrolle, digitale Repression und Abwanderung verhindert werden. Angesichts wachsender sozioökonomischer Perspektivlosigkeit und demografischer Dynamiken steigt jedoch das Protestpotenzial, so Stephan Roll und Josef Schreck.

Die Generation Z, also junge Menschen, die derzeit zwischen 14 und 29 Jahre alt sind, hat in den letzten Monaten in verschiedenen Ländern wie Madagaskar und Marokko soziale Proteste ausgelöst – wenn auch (noch) nicht in Ägypten.
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Die GenZ-Proteste des Jahres 2025, die sich von Nepal über Madagaskar bis nach Marokko und Peru erstreckten, weckten Erinnerungen an die Massendemonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo Anfang 2011. Dort versammelten sich zu Beginn des sogenannten Arabischen Frühlings vor allem junge Ägypter:innen, um gegen das Regime von Langzeitherrscher Hosni Mubarak zu protestieren.
Rund 15 Jahre später ist es jedoch gerade auf Ägyptens Straßen und Plätzen bemerkenswert ruhig. Auch am 25. Januar 2026, dem Jahrestag des ägyptischen Volksaufstandes, kam es zu keinerlei sichtbaren Protesten. Dabei haben sich die Lebensbedingungen gerade für die ägyptische Jugend seit den 2010er Jahren erkennbar verschlechtert.
Sozioökonomische Perspektivlosigkeit
Aktuelle Zahlen zur Armutsentwicklung hielten die ägyptischen Behörden in den vergangenen Jahren sukzessive zurück. Schätzungen aus dem Umfeld der staatlichen Statistikbehörde zufolge lebten aber 2023 über 35 Prozent der ägyptischen Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze; 2010/11 lag dieser Anteil noch bei rund 25 Prozent. Angesichts der dramatischen Preisanstiege – auch bei Grundnahrungsmitteln – sowie umfassender Subventionskürzungen dürfte das tatsächliche Ausmaß der Armut jedoch deutlich höher liegen. Bereits 2019 schätzte die Weltbank, dass bis zu 60 Prozent der Bevölkerung entweder unmittelbar von Armut betroffen oder zumindest akut armutsgefährdet seien. Für junge Menschen stellt sich die Lage dabei besonders dramatisch dar – ein Umstand, der sich in den zudem nur eingeschränkt glaubwürdigen offiziellen Statistiken häufig nicht angemessen widerspiegelt.
Auch im für junge Menschen besonders wichtigen Bildungssektor spiegeln sich diese Missstände deutlich wider. Eine gestiegene formale Alphabetisierungsrate darf nicht über die massiven strukturellen Defizite hinwegtäuschen. Veraltete Lehrpläne, überfüllte Klassen und unzureichend ausgestattete Schulgebäude führen dazu, dass mehr als die Hälfte der Schüler:innen internationale Mindeststandards verfehlt. Hinzu kommt eine chronische Unterfinanzierung des Bildungswesens: Die staatlichen Bildungsausgaben bleiben gemessen an den verfassungsrechtlichen Vorgaben wie auch im internationalen Vergleich niedrig und konzentrieren sich häufig auf Quantität statt Qualität. Das Resultat ist ein Bildungssystem, das viele junge Menschen nur unzureichend auf den Arbeitsmarkt vorbereitet und soziale Ungleichheiten eher reproduziert als abbaut.
Ebenso schwierig ist die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt selbst. Zwar ist die offizielle Jugendarbeitslosigkeit, die ausschließlich aktiv Arbeitssuchende erfasst, seit 2011 von rund 30 Prozent auf etwa 17 Prozent im Jahr 2024 gesunken, doch geht dieser Rückgang nicht mit einem entsprechenden Anstieg der Beschäftigung einher. Im Gegenteil: Der Anteil der erwerbstätigen jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren erreichte 2024 lediglich rund 24 Prozent. Mit anderen Worten: Die überwiegende Mehrheit junger Ägypter:innen sieht angesichts der schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen keinerlei realistische Chancen auf dem Arbeitsmarkt, zieht sich aus ihm zurück und erscheint folglich nicht in der Arbeitslosenstatistik.
Zugleich dürfte vielen Angehörigen der GenZ bewusst sein, dass die sozioökonomische Krise untrennbar mit den politischen Rahmenbedingungen im Land verknüpft ist. Zwar verschärfen externe Krisen – wie auch der gegenwärtige Irankrieg und seine Auswirkungen auf Energiepreise, Handel und Tourismus – die wirtschaftliche Lage zusätzlich; die Wirtschaftspolitik unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat die Resilienz des Landes in den vergangenen Jahren jedoch kaum gestärkt und dient primär der Absicherung der bestehenden Machtverhältnisse – insbesondere der Interessen des einflussreichen Militär- und Sicherheitsapparats. Fehlallokation staatlicher Ressourcen in fragwürdige Megaprojekte und exzessive Rüstungsbeschaffung gehen einher mit endemischer Korruption und Selbstbereicherung.
Autoritäre Jugendpolitik
Dass es trotz dieser krisenhaften Entwicklung bislang keine Massenproteste gibt dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass das Regime unter Präsident al-Sisi von den Entwicklungen 2011 gelernt hat. Heute „investiert“ die politische Führung deutlich mehr strategische Aufmerksamkeit in die ägyptische Jugend als vor 2011. Dabei geht es allerdings nicht um die Beseitigung der sozioökonomischen Misere, sondern vielmehr um möglichst umfassende Kontrolle durch die institutionelle Einbindung und politische Kooptation junger Ägypter:innen in regimenahe Strukturen.
Dafür setzt das Regime auf Kaderbildung. Mit der Gründung des Presidential Leadership Program (PLP) im Jahr 2015 und dessen institutioneller Verstetigung 2017 unter dem Dach der National Training Academy (NTA) wurde eine Kaderschmiede etabliert, die loyale Führungskräfte für Verwaltung, Politik und Medien heranbilden soll. Das PLP geht auf ein an der Nasser Military Academy initiiertes Vorläuferprogramm zurück und weist enge institutionelle sowie personelle Verbindungen zum Militär auf. Ziel dieses Programms, das sich an Hochschulabsolvent:innen richtet, ist die Vermittlung eines militärzentrierten Staatsverständnisses, das die zentrale Rolle des Militärs in der Regierungsführung und auch in der Steuerung ziviler Angelegenheiten propagiert. In der NTA wurden darüber hinaus die National Youth Conferences sowie das seit 2017 ausgerichtete World Youth Forum organisatorisch gebündelt.
2025 erweiterte die NTA die staatliche Kaderlogik in einer geradezu totalitär anmutenden Form nach unten: Mit dem Junior Presidential Leadership Program (13–18 Jahre) werden Auswahl, Training und politische Sozialisation bereits im Jugendalter zusammenführt. Darüber hinaus wurden in den vergangenen Jahren regimenahe politische Trägerstrukturen mit „Jugend“-Label etabliert, insbesondere die 2018 gegründete politische Plattform Tanseeqeyat Shabab Al-Ahzab wa Al-Siyasiyyin (CPYP), die bei den Parlaments- und Senatswahlen 2020 als Mobilisierungs- und Rekrutierungskanal eine Rolle spielte. Durch die Gründung der Union of Egyptian Youth Abroad in 2026 versucht das Regime seine autoritäre Jugendpolitik auf die ägyptische Diaspora auszuweiten.
Die Logik kontrollierter Einbindung zeigt sich auch im Bereich formaler politischer Repräsentation: Zwar sichert eine Jugendquote für Parteilisten formal einen gewissen Anteil junger Menschen im Parlament, doch die Parlamentswahlen Ende 2025 waren weder frei noch fair. Sicherheitsorgane nahmen bereits bei der Kandidatenaufstellung maßgeblichen Einfluss auf Auswahl und Zusammensetzung der zur Wahl stehenden Kandidat:innen. Politische Partizipation junger Menschen wird damit auch auf institutioneller Ebene letztlich nur auf dem Papier ermöglicht.
Digitale Repression
Mangelnde Partizipation geht einher mit polizeistaatlicher Repression, die unter Präsident al-Sisi umfassender und brutaler ist als in den Jahren vor 2011. Zivilgesellschaftliche Aktivitäten sind spätestens seit dem sogenannten NGO-Gesetz von 2019, das staatlichen Stellen weitreichende Kontroll- und Eingriffsrechte gegenüber unabhängigen Organisationen einräumt, massiv eingeschränkt. Unabhängige Formen jugendlicher Selbstorganisation sind dadurch kaum noch möglich. Für viele junge Ägypter:innen wird der digitale Raum damit zur zentralen Ersatzinfrastruktur für Austausch, Vernetzung und potenzielle Mobilisierung. Diese Verlagerung wird durch den stark gewachsenen digitalen Zugang zusätzlich begünstigt: Der Anteil der Internetnutzer:innen stieg in Ägypten von 25,6 Prozent im Jahr 2011 auf 72,7 Prozent im Jahr 2023.
Als Reaktion auf diese Entwicklungen hat die politische Führung ihre Kontroll- und Repressionsinstrumente in den letzten fünf Jahren gezielt auf den digitalen Raum ausgeweitet. Rechtliche Grundlage hierfür ist das bereits 2018 erlassene sogenannte Anti-Cybercrime-Gesetz. 2020 fand das Gesetz erstmals in Verfahren gegen prominente TikTok-Influencerinnen Anwendung. Im Zentrum der Fälle von Haneen Hossam und Mawada al-Adham stand der Vorwurf, mit ihren Inhalten gegen die „Werte der ägyptischen Familie“ verstoßen und zur „Unmoral“ angestiftet zu haben. Hossam hatte in einem Video die Monetarisierung von Livestreams beworben, während Adham vor allem Tanz- und Lifestylevideos veröffentlicht hatte. Beide erhielten mehrjährige Haftstrafen.
In den Folgejahren verstetigte sich dieses Vorgehen in einer Vielzahl ähnlicher Verfahren Die Menschenrechtsorganisation Egyptian Initiative for Personal Rights (EIPR) dokumentierte von 2020 bis 2025 allein durch ihre Anwält:innen 109 Verfahren auf dieser Rechtsgrundlage mit über 151 Betroffene; die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Im Sommer 2025 war zudem eine neue, breit angelegte Verhaftungswelle gegen Contentcreator:innen zu beobachten. Ende 2025 dokumentierten Menschenrechtsorganisationen außerdem mindestens 15 Fälle, in denen 12- bis 17-Jährige wegen angeblicher terroristischer Aktivitäten festgenommen und in Haft Misshandlungen und Folter ausgesetzt wurden.
In den letzten Monaten und im Kontext der weltweiten GenZ-Proteste wurde die digitale Repression deutlich verschärft. Anfang 2026 kam es zu einer landesweiten Störung von Discord – jener Plattform, über die unter anderem die Proteste in Marokko 2025 organisiert worden waren. Auch die bei Kindern besonders verbreitete Online-Gaming Plattform Roblox wurde gesperrt. Besonders der Hintergrund der Discord-Störung ist bemerkenswert: Das ägyptische Investigativportal Al Manassa dokumentierte, dass in derselben Woche auf dem Discord-Server GenZ002 (Bezug auf die internationale Vorwahl Ägyptens +20) eine Kampagne mit einem Online-„Referendum“ zur Amtsenthebung al-Sisis entstand. Nach Angaben der Bewegung auf ihren Social-Media-Kanälen kamen in kürzester Zeit über 1,9 Millionen anonyme Stimmen zusammen. Die Kampagne weitete sich über Hashtags auch auf andere Social-Media-Plattformen aus.

Links: Screenshot der Webseite zum Online-„Referendum“ zur Amtsenthebung von Präsident Abdel Fattah al-Sisi (automatisch generierte Übersetzung), Stand 21.02.2026. Rechts: Screenshot der Organisationsstruktur des Discord-Servers „GenZ002“ mit rund 28.000 registrierten Mitgliedern, Stand 21.02.2026.
Migration als kurzfristiges Ventil
Unter den Bedingungen allumfassender Repression äußern sich Unzufriedenheit und Resignation unter jungen Ägypter:innen vor allem in der Bereitschaft, das Land zu verlassen. Die Abwanderung gut ausgebildeter Jugendlicher hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Besonders deutlich wird dieser Trend im Gesundheitssektor. Nach Angaben des Egyptian Medical Syndicate arbeiten inzwischen mehr ägyptische Ärzt:innen im Ausland als im Inland – mit wachsender Tendenz auch in Deutschland.
Parallel dazu steigt die irreguläre Migration. Im Jahr 2025 zählten ägyptische Staatsangehörige zu den am häufigsten registrierten Nationalitäten bei nicht genehmigten Grenzübertritten in die Europäische Union. Nach vorläufigen Daten von Frontex stellten sie zwischen Januar und November mit 17489 Personen (10 Prozent) – nach Bangladesch (13 Prozent) – die zweitgrößte Gruppe insgesamt und zugleich die zahlenmäßig stärkste Herkunftsgruppe aus Afrika.
Die Auswirkungen der Migration sind paradox: Einerseits wirkt sie konfliktmindernd, da sie Frustration externalisiert, etwas Druck vom Arbeitsmarkt nimmt und durch Rücküberweisungen erhebliche finanzielle Ressourcen ins Land spült. Insofern fungiert Auswanderung auch als politisches Ventil, das der Staat zumindest im Bereich der Arbeitsmigration aktiv fördert. Andererseits trägt sie durch den Verlust qualifizierter Fachkräfte zur Erosion staatlicher Leistungsfähigkeit bei. Bei der medizinischen Versorgung etwa liegt Ägypten mit lediglich 8,6 Ärzt: pro 10.000 Einwohner deutlich unter dem globalen Durchschnitt von 23.
Auswanderung als Ventil für Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen wird indes absehbar nicht ausreichen. Während Europa seine Migrationspolitik weiter restriktiv ausrichtet und finanzielle Unterstützung auch an Ägypten an eine effektivere Grenzsicherung und Migrationskontrolle koppelt, versuchen auch die Golfmonarchien als traditionelle Zielländer ägyptischer Arbeitsmigration ihrer Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften zu reduzieren.
Der Druck im Kessel steigt
Die gegenwärtige Ruhe in Ägypten könnte daher trügerisch sein, insbesondere vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung. Ein Blick in die Vergangenheit verdeutlicht dies: In den 15 Jahren vor dem Ausbruch der Proteste des Arabischen Frühlings – also zwischen 1995 und 2010 – wuchs der Anteil der 15- bis 24-Jährigen deutlich an. Dieser ausgeprägte „Youth Bulge“ erreichte damals einen Bevölkerungsanteil von rund 20 Prozent. Prognosen zufolge könnte sich eine vergleichbare Entwicklung bis 2035 erneut abzeichnen.
Dabei übertrifft der absolute Zuwachs der jungen Bevölkerung den Anstieg im Zeitraum vor dem Arabischen Frühling deutlich. Für den Zeitraum 2020 bis 2035 wird prognostiziert, dass die Zahl der 20- bis 29-Jährigen insgesamt um nahezu 3,6 Millionen Menschen zunimmt. Der bereits heute stark angespannte ägyptische Arbeitsmarkt dürfte kaum in der Lage sein, eine derart große Zahl zusätzlicher junger Arbeitskräfte zu absorbieren.
Auch wenn sich gesellschaftliche Mobilisierungen nicht vorhersagen lassen kann: Die demografische Entwicklung in Verbindung mit einer anhaltenden sozioökonomischen Krise, offensichtlicher Misswirtschaft sowie dem fortgesetzten Unwillen der politischen Führung, jungen Menschen substanzielle Räume politischer Partizipation zu eröffnen, schafft eine strukturelle Konstellation, die das Risiko erneuter Massenproteste in den kommenden Jahren deutlich erhöht.
Dr. Stephan Roll ist Senior Fellow in der SWP-Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten.
Josef Schreck ist das Pseudonym des Megatrends Afrika bekannten Autors.