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Ein zartes Pflänzchen: Potenziale afrikanischer Erwerbs- und Bildungsmigration nach Deutschland

Megatrends Spotlight 54, 02.07.2026

Während das Gros der öffentlichen Migrationsdebatte in Europa auf irreguläre Zuwanderung blickt, wachsen reguläre Erwerbs- und Bildungskorridore aus Afrika längst von selbst. Ob daraus faire und wechselseitig nützliche Wege werden, entscheidet sich daran, wie dieses zarte Pflänzchen gepflegt wird.

Bis 2050 wird Afrika voraussichtlich rund ein Viertel der weltweiten Bevölkerung im Erwerbsalter stellen, während die Erwerbsbevölkerung in europäischen Staaten kontinuierlich schrumpft. Die deutsche Bundesregierung hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend für die Anwerbung von Arbeitskräften aus Drittstaaten wie Indien geöffnet - etwa durch Reformen der Migrationsgesetzgebung oder bilaterale Migrationsabkommen. Doch wichtige Entsendeländer von Arbeitsmigrant:innen wie Vietnam altern längst selbst und auch in Indien wird der heutige Arbeitskräfteüberschuss langfristig zurückgehen. Innerhalb Afrikas weisen die Staaten südlich der Sahara eine stark positive demographische Entwicklung auf und werden damit zukünftig zur entscheidenden Herkunftsregion für die Rekrutierung von Fachkräften. Bislang wird das Potenzial, Arbeitskräfte aus den jungen Gesellschaften südlich der Sahara für die Arbeitsmärkte der alternden Gesellschaften Europas zu gewinnen, politisch jedoch kaum genutzt. 

Afrikanische Erwerbs- und Bildungsmigration wächst, aber Deutschland schöpft das Potenzial kaum aus

Dabei sind bereits heute steigende Migrationstrends zu beobachten: Die Zahl der Menschen aus afrikanischen Ländern, die zur Arbeitsaufnahme, Ausbildung oder zum Studium nach Deutschland kommen, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Diese Entwicklung zeigt sich unter anderem an der stark wachsenden Zahl der Visumanträge, die zum Zweck der Erwerbstätigkeit bei deutschen Botschaften in afrikanischen Ländern bearbeitet wurden: Zwischen 2019 und 2025 hat sich die Zahl der Anträge von rund 7.860 auf 29.415 nahezu vervierfacht. Einen großen Anteil daran haben die gestiegenen Zahlen der Visumanträge im Bereich Aus- und Fortbildung, die 2019 bei 1.318 und 2025 bei 7.531 lagen. Die genannten Zahlen lassen Asylanträge und Familienzusammenführung außer Acht. Sie erfassen Visumanträge und zeigen vor allem, wie stark die Nachfrage gewachsen ist, nicht aber wie viele Visa bewilligt wurden oder wie viele tatsächlich zugezogen sind. Es ist davon auszugehen, dass die Ablehnungsquote von Visumanträgen aus diesen Ländern deutlich höher ist als aus anderen Herkunftsregionen.

Im EU-Vergleich war Deutschland laut Eurostat-Daten im Zeitraum von 2014 bis 2023 weder hinsichtlich der Gesamtzahl der Zuzüge (Platz 4) noch der Zahl von Erwerbsmigration (Platz 5) oder Bildungsmigration (immerhin Platz 3) wichtigstes Zielland afrikanischer Migration. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass die Mehrheit afrikanischer Migrant:innen weiterhin innerhalb des Kontinents migriert, auch wenn die Zuwanderung aus afrikanischen Staaten nach Deutschland und Europa langsam zunimmt.

Während nordafrikanische Staaten die Liste der afrikanischen Herkunftsstaaten für Erwerbs- und Bildungsmigration nach Deutschland anführen und im Fokus europäisch-afrikanischer Kooperation stehen, ist die Fachkräfteanwerbung aus Subsahara-Staaten geringer ausgeprägt. Allerdings wachsen die Zuzüge aus einzelnen Ländern wie Kenia, Ghana und Kamerun, wenngleich bislang auf deutlich niedrigerem Niveau. 

Kenia: Leichter Anstieg bearbeiteter Visumanträge von Pflegekräften

Bisher setzt die deutsche und europäische Migrationskooperation vor allem darauf, mit staatlichen Institutionen in Partnerländern zu kooperieren – meist verbunden mit der Forderung einer verbesserten Kooperation bei der Rückübernahme von ausreisepflichtigen Staatsangehörigen. Ein Beispiel ist das bilaterale Migrationsabkommen mit Kenia, das maßgeblich auf den Wunsch des früheren Bundeskanzlers Olaf Scholz im September 2024 zustande kam. Es ist zwar noch zu früh, Effekte des Abkommens zu evaluieren, auffällig ist jedoch die gestiegene Anzahl bearbeiteter Visumanträge kenianischer Pflegekräfte (auf 389 im Jahr 2025 gegenüber 3 im Jahr 2022).

Ghana: Steigendes Interesse an einem Studium in Deutschland

Ghana gilt als Fokusland deutscher Fachkräfteanwerbung. Auch das Interesse an einem Studium in Deutschland nimmt deutlich zu: Während 2019 noch 621 Visumanträge im Bereich Studium gestellt wurden, waren es 2025 mit 1.340 bereits mehr als doppelt so viele. Im Wintersemester 2024/2025 waren zudem 2.918 ghanaische Staatsangehörige an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Ein bilaterales Migrationsabkommen mit Ghana ist schon länger im Gespräch und sollte zum Abschluss gebracht werden, um die vergleichsweise guten Bildungsvoraussetzungen in Ghana auch für die Zuwanderung bereits ausgebildeter Fachkräfte nach Deutschland besser zu nutzen.

Kamerun: traditionell viele Studierende und deutliche Zuwächse im Ausbildungsbereich

Kamerun ist schon länger ein wichtiges Herkunftsland für Studierende (im Wintersemester 2024/2025 mit 6.837 Studierenden auf Platz vier unter den afrikanischen Staaten), auch weil das kamerunische Abitur häufig zum Studium an deutschen Hochschulen berechtigt. Neu sind die deutlichen Zuwächse bei der Erwerbsmigration, insbesondere im Bereich der Berufsausbildung. Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl kamerunischer Staatsangehöriger in einem sozialversicherungspflichtigen Ausbildungsverhältnis in Deutschland von 950 im Jahr 2019 auf 5.260 im Mai 2026 gestiegen. Das Bemerkenswerte daran ist, dass die deutliche Zunahme wohl auf die Eigeninitiative kamerunischer Migrant:innen sowie die Unterstützung privater Vermittlungsakteure und Diaspora-Netzwerke zurückzuführen ist. 

Dies wirft eine politische Frage auf, die sich nicht nur im Falle Kameruns stellt: Wenn solche Korridore auch ohne staatliches Zutun entstehen, welche Rolle haben dann nichtstaatliche Akteure und worin besteht dann die staatliche Aufgabe? Nicht darin, Nachfrage nach Arbeitskräften zu schaffen – die ist offensichtlich vorhanden –, sondern darin, das zu leisten, was Eigeninitiative und Vermittlung durch private Rekrutierungsakteure nicht erbringen. Also etwa im Dialog mit dem Herkunftsland die Anerkennung von Qualifikationen sowie Vorbereitungsmaßnahmen vor der Ausreise zu unterstützen. Zugleich bergen Korridore wie jener zwischen Kamerun und Deutschland ein erhöhtes Risiko für ausbeuterische Anwerbung, wie etwa hohe Vermittlungsgebühren. Umso wichtiger ist es, durch Informationskampagnen über reguläre Zugangswege, Qualifikationsanforderungen sowie Anerkennungsmöglichkeiten aufzuklären und zugleich vor unseriösen Vermittlern, überhöhten Kosten und Ausbeutungsrisiken in Europa zu warnen. Nur dann können die zarten Pflänzchen regulärer Erwerbs- und Bildungsmigration schrittweise nachhaltig wachsen und entwicklungsorientiert gestaltet werden.

Positive Entwicklungseffekte regulärer Migration aus Afrika

Der Mehrwert regulärer Erwerbs- und Bildungsmigration für Deutschland liegt auf der Hand. Doch auch für die Herkunftsländer kann Arbeitskräftemobilität – je nach Sektor und konkreter Ausgestaltung – Chancen und Risiken mit sich bringen. Richtig gestaltet, bringt die Mobilität von Arbeitskräften erhebliche Vorteile. Am unmittelbarsten profitieren die Migrant:innen selbst. Für dieselbe Tätigkeit erzielen sie mitunter in Deutschland ein Vielfaches des im Herkunftsland möglichen Lohns. Über Rücküberweisungen wird dieser private Vorteil auch im Herkunftsland zum positiven Entwicklungseffekt. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen übersteigen die Rücküberweisungen die offiziellen Entwicklungsgelder (ODA)deutlich. Hinzu kommen nicht-finanzielle Wirkungen, etwa wenn die Aussicht auf Migration Bildungsanreize im Herkunftsland verstärkt („Brain Gain“). Entwicklungseffekte entstehen auch, wenn Migrant:innen mit neu erworbenen Fähigkeiten zwischen Ländern zirkulär wandern oder mit neuen Fähigkeiten nach einigen Jahren ins Herkunftsland zurückkehren und sich dort einbringen („Brain Circulation“).

Die verbreitete Sorge vor einem Verlust knapper Fachkräfte ("Brain Drain") ist grundsätzlich ernst zu nehmen, trifft aber angesichts der Arbeitsmarktsituation in vielen Ländern Subsahara-Afrikas in vielen Fällen nicht zu. Dies gilt insbesondere für Fachkräfte, die abwandern, da sie im Herkunftsland keine angemessene Arbeit finden oder unterhalb ihres Qualifikationsniveaus arbeiten. Auch wer mangels guter Ausbildungsmöglichkeiten im Herkunftsland emigriert, um ein Studium oder eine Ausbildung in Deutschland aufzunehmen, sorgt nicht per se für einen Verlust von Fachkräften im Herkunftsland. Ein Problem entsteht, wenn systematisch die Hochqualifiziertesten ins Ausland abgeworben werden – beispielsweise wenn die Abwanderung von Gesundheitsfachkräften ohnehin schwache Gesundheitssysteme destabilisiert. Doch selbst hier ist das Bild komplexer, als es die Debatte nahelegt. Ghana etwa, das wie viele Länder mit angespanntem Gesundheitssektor noch auf der WHO „Workforce Support and Safeguards list“ zum Schutz vor aktiver staatlicher Anwerbung steht, bildet inzwischen mehr Pflegekräfte aus, als der heimische Arbeitsmarkt aufnimmt – auch, weil das Gesundheitsministerium die Ausbildung ausweitete und private Anbieter zuließ. Auf einer für 2026 angekündigten Aktualisierung der Safeguards List soll Ghana nicht mehr stehen.

Optionen zur Förderung von Bildungs- und Arbeitsmigration aus Subsahara-Afrika

Die beschriebenen Trends werden sich nicht von selbst verstetigen, zu groß sind immer noch die strukturellen Zugangshürden zum deutschen Arbeitsmarkt. Das gilt in besonderem Maße für die Anwerbung aus Subsahara-Afrika, wo funktionierende Ökosysteme für die Bildungs- und Arbeitsmigration nach Deutschland kaum existieren. Zu den bestehenden Hemmnissen zählen langwierige Verfahren bei der Visavergabe und Anerkennung von ausländischen Qualifikationen. Die von der Bundesregierung geplante Work-and-Stay-Agentur soll diese Probleme durch die weitere Digitalisierung und Zentralisierung von Prozessen beheben, wobei eine Einigung über die Ausgestaltung in der Bundesregierung noch aussteht. Für eine geregelte und erfolgreiche Fachkräfteanwerbung wird ohnehin ein umfassender Ansatz erforderlich sein, der auch in Herkunftsländern – etwa in Subsahara-Afrika – ansetzt.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (EZ) hat entsprechende Maßnahmen in den letzten Jahren verstärkt. So wurden durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit dem Programm „Migration entwicklungspolitisch gestalten“ und den in Ghana und Nigeria etablierten Zentren für Migration und Entwicklung beispielsweise Menschen über Möglichkeiten regulärer Arbeits- und Ausbildungsmigration informiert. Viele dieser Projekte konnten jedoch die strukturellen Hürden, wie etwa die Anerkennung von Qualifikationen und Berufsabschlüssen aus Subsahara-Staaten oder die Schnittstellen zur Bundesagentur für Arbeit und deutschen Arbeitgebern, nicht ausreichend überbrücken. Angesichts möglicherweise auslaufender Mittel wäre es sinnvoll, künftig klare Schwerpunkte zu setzen: so sollte verstärkt in Ausbildungskapazitäten investiert und Mobilitätswege für Auszubildende in Richtung Deutschland ausgebaut werden. Auf diesem Weg kann das Qualifikationsniveau vor Ort insgesamt verbessert werden. Davon profitieren sowohl potenzielle Migrant:innen als auch Menschen, die dauerhaft im Herkunftsland bleiben möchten. EZ-Migrationsprojekte könnten beispielsweise noch stärker mit Diaspora-Aktivitäten und dem Engagement im Bereich der beruflichen Bildung verbunden werden. Dabei sollten leistungsstarke, überwiegend public-private TVET-Anbieter in Ländern wie Ghana oder Kenia priorisiert werden. Wichtig wird dabei bleiben, die EZ nicht allein zum Instrument der deutschen Fachkräftegewinnung zu machen, was auch im Widerspruch zur erforderlichen Anrechenbarkeit als öffentliche Entwicklungsleistung (ODA-Anrechenbarkeit) stünde.

Auch deutsche Unternehmen benötigen mehr Unterstützung: Die Anwerbung aus Subsahara-Afrika ist mit hohen Fixkosten und Informationshürden verbunden, die insbesondere kleinere und mittlere Betriebe abschrecken – ein Koordinationsproblem, das öffentliche Unterstützung rechtfertigt. Die vom BMZ initiierte Fachkräfteallianz WE-Fair kann dazu beitragen, Unternehmen für faire Anwerbung zu sensibilisieren und – unter Einbeziehung nicht-staatlicher Akteure – praktische Kooperationsformate zu entwickeln. Eine besondere Vorreiterrolle könnten dabei Unternehmen spielen, die bereits in den Märkten der jeweiligen Herkunftsländer aktiv sind oder Arbeitskräfte fair anwerben.

David Kipp ist Wissenschaftler und Emma Landmesser ist Forschungsassistentin im vom Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit geförderten Projekt „Flucht und Migration im Kontext globaler Umbrüche“ bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). 

Prof. Dr. Tobias Heidland ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Direktor des Forschungszentrums „Internationale Entwicklung“ im Kiel Institut für Weltwirtschaft und Co-Projektleiter von Megatrends Afrika.

 

The Future of African-European Relations untersucht, wie die beiden Regionen in einer Zeit geopolitischer Fragmentierung, wirtschaftlichen Wettbewerbs und sich wandelnder globaler Machtverhältnisse stärkere Partnerschaften aufbauen können. Es handelt sich um eine Zusammenarbeit zwischen dem „African Futures & Innovation Programme“ am Institut für Sicherheitsstudien (ISS), dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Hanns-Seidel-Stiftung und Megatrends Afrika.